Endungen und Besonderheiten baltischer Familiennamen: Unterschied zwischen den Versionen

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==Eine besondere Gemengelage==
==Eine besondere Gemengelage==
Zur Zeit scheint es eine Mode zu geben, Namen des nördlichen Ostpreußen ausschließlich hochlitauisch abzuleiten. Dabei findet man hochlitauische Namen eher in der Region Pillkallen-Goldap, wobei man auch da nie sicher sein kann, ob es sich nicht um ursprünglich prußisch-sudauische Namen handelt. Für das nordwestliche Ostpreußen, also das Memelland, sind zunächst prußische und nehrungskurisch-lettische, dann niederlitauische (szemaitische) und schließlich hochlitauische (aukschtaitsche) Einflüsse zu beachten. Deutsche Einflüsse spielen auf dem Lande so gut wie gar keine Rolle, außer Pastöre, Dolmetscher und Standesbeamte haben nach Gehör aufgeschrieben und verhunzt.
Zur Zeit scheint es eine Mode zu geben, Namen des nördlichen Ostpreußen ausschließlich hochlitauisch abzuleiten. Dabei findet man hochlitauische Namen eher in der Region Pillkallen-Goldap, wobei man auch da nie sicher sein kann, ob es sich nicht um ursprünglich prußisch-sudauische Namen handelt. Für das nordwestliche Ostpreußen, also das Memelland, sind zunächst prußische und nehrungskurisch-lettische, dann niederlitauische (szemaitische) und mittellitauische und schließlich hochlitauische (aukschtaitsche) Einflüsse zu beachten. Deutsche Einflüsse spielen auf dem Lande so gut wie gar keine Rolle, außer Pastöre, Dolmetscher und Standesbeamte haben nach Gehör aufgeschrieben und verhunzt.


Erheblich ist im nordwestlichen Ostpreußen der Einfluss szemaitischer Namen, die ihrerseits durch die kurische Sprache beeinflusst sind und sich deutlich von aukschtaitschen unterscheiden, was wohl durch das längere Festhalten an der alten heidnischen Religion liegen mag, im Gegensatz zum polnisch-katholischen Hochlitauen. Zur Zeit als in Ostpreußen Familiennamen entstanden, war die litauische Sprache zugunsten der polnischen nahezu ausgestorben. Sie wurde mit Hilfe der prußischen Sprache quasi rekonstruiert und von Königsberg aus durch das Verteilen gedruckter Bücher in Litauen wieder reanimiert.  
Erheblich ist im nordwestlichen Ostpreußen der Einfluss szemaitischer Namen, die ihrerseits durch die kurische Sprache beeinflusst sind und sich deutlich von aukschtaitschen unterscheiden, was wohl durch das längere Festhalten an der alten heidnischen Religion liegen mag, im Gegensatz zum polnisch-katholischen Hochlitauen. Zur Zeit als in Ostpreußen Familiennamen entstanden, war die litauische Sprache zugunsten der polnischen nahezu ausgestorben. Sie wurde mit Hilfe der prußischen Sprache quasi rekonstruiert und von Königsberg aus durch das Verteilen gedruckter Bücher in Litauen wieder reanimiert.  
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Man sollte sich beim Deuten der Namen des nordwestlichen Ostpreußen vor Schnellschüssen hüten. Wer allein litauisch deutet und wer zudem aukschtaitsch mit szemaitisch gleichsetzt, vergibt viele Chancen. Gerade diese Gemengelage aus prußisch, kurisch, nehrungskurisch, lettisch, szemaitisch, litauisch und deutsch  macht die Sache sehr spannend. Monokausales Denken ist bei der ostpreußischen Nameninterpretation wenig hilfreich.
Man sollte sich beim Deuten der Namen des nordwestlichen Ostpreußen vor Schnellschüssen hüten. Wer allein litauisch deutet und wer zudem aukschtaitsch mit szemaitisch gleichsetzt, vergibt viele Chancen. Gerade diese Gemengelage aus prußisch, kurisch, nehrungskurisch, lettisch, szemaitisch, litauisch und deutsch  macht die Sache sehr spannend. Monokausales Denken ist bei der ostpreußischen Nameninterpretation wenig hilfreich.


==Ortsname - Familienname/ Personenname - Ortsname==
==Ortsname - Familienname/ Personenname - Ortsname==

Version vom 2. Februar 2009, 21:28 Uhr

Die besonderen Formen der memelländischen Familiennamen

Die meisten memelländischen Familiennamen sind baltischer Herkunft und wurden von einer Bevölkerung getragen, die größtenteils litauischsprachig war. Im Gegensatz zu den deutschen Familiennamen sind preußisch-litauische, wozu die meisten memelländischen gehören, stärken Veränderungen unterworfen, die Familienforschern, die noch am Anfang ihrer Forschungen stehen, gewöhnlich Anfangsschwierigkeiten bereiten.

Dazu zählen folgende Punkte:

  • Besondere Endungen für unverheiratete und verheiratete Frauen
  • Regionale und dialektale Unterschiede in der Bildungsweise
  • Übergang von deutschen Namen in litauische Formen und umgekehrt


Besondere Endungen für unverheiratete und verheiratete Frauen

Als Beispiel soll ein häufiger Familiennamen aus dem Memeland gelten: Naujoks (dt. ungefähr Neusasse, Neumann).

Der Vater heißt Jurgis Naujoks (Jurgis = dt. Georg, siehe dazu Memelländische Vornamen). Die ledige Tochter dieses Jurgis Naujoks heißt im Kirchspiel Prökuls memelländisch-litauisch Naujokate, wobei die Endung -ate an den Stamm Naujok- unter Hinwegnahme des -s gesetzt wurde und ungefähr dem veralteten deutschen "Fräulein" entspricht, also Fräulein Naujoks. Da die Endung -ene verheiratete Frauen bezeichnet, heißt die Ehefrau des Jurgis Naujoks folgerichtig Naujokene, übersetzt ungefähr wie die Naujoksche, die Naujokin (allerdings ohne abfälligen Nebensinn) oder einfach Frau Naujoks.


Regionale und dialektale Unterschiede in der Bildungsweise

Findet man nun die Endung -ene für verheiratete Frauen im gesamten Memelgebiet, so ist die Endung für unverheiratete Frauen regional stark unterschiedlich. Wanderte man ein wenig weiter nördlich aus dem Kirchspiel Prökuls in das Kirchspiel Memel Land, so fand man besonders im frühen 19.Jahrhundert dort statt -ate häufiger die Endung -alle, dort hieß die Tochter des Jurgis Naujoks also Naujokalle. Wanderte man aber statt nach Norden in Richtung Süden, nach Werden, Kinten (Kr.Heydekrug) oder Ruß, so fand man dort häufiger die Endung -ikke, also Naujokikke.

Es gab außerdem noch im 18.Jahrhundert statt -ate die Form -acze (dazu noch Sonderformen auf -aus von Familiennamen auf -us wie Wenskus, die einen Genitiv darstellen), so dass für ein und dieselbe weibliche Person Naujoks folgende Formen in Kirchenbüchern gefunden werden können: Naujokate, Naujokalle, Naujokikke, Naujokacze, wobei orthographische Abweichungen noch gar nicht berücksichtigt sind.

Diese Formen können in den Kirchenbücher besonders bei den Taufen nachgeprüft werden, wo die Mütter mit ihren Mädchennamen (im eigentlichen Sinne des Wortes !) auftauchen. Die Namensformen für verheiratete Frauen auf -ene finden sich häufig in Heiratsregistern, wenn Witwen heiraten. Dann steht dort "die Witwe Naujokene geb. Wenskate heiratet ...".

Übergang von deutschen Namen in litauische Formen und umgekehrt

Gänzlich verwirrt wird dann jemand, der gestern noch glaubte, Mueller mit "ue" hätte nichts mit denen auf "ü" zu tun, wenn dann noch die Familiennamen durch die Sprachen wandern: "Die Liebe fällt hin wo sie will". So heiratete ein Memelländer, dessen Muttersprache das Deutsche war, auch einmal eine memelländisches Litauerin oder umgekehrt. Gegen das Ende des 19.Jahrhundert war man sowieso vielerorts zweisprachig. Der glücklich Vermählte mag Georg Herrmann geheißen haben, so wird aus ihm, da er zu seiner memelländisch-litauischen Frau und deren Verwandschaft gezogen war, bei der Taufe ihres ersten Kindes ein Jurgis Ermons. Wie kommt es dazu ? Jurgis entspricht dem dt. Georg (siehe dazu Memelländische Vornamen). Da der memelländische Litauer in seiner Sprache nicht gewohnt war, ein H zu sprechen, fällt dieses häufig fort, ein a/o-Wechsel ist typische für memelländisches Namen, und eine Endung -s wie bei Naujok-s auch. Also ist es nicht weit von Herrmann zu Ermons, denn die Doppelkonsonanten "rr" sind auch entbehrlich. Stellen wir uns vor, nicht Herrmann hat in eine memelländisch-litauische Familie eingeheiratet, sondern seine Schwester Marie Herrmann !

Aus ihr könnte werden Maryke Ermonate, Marre Ermonalle, Marinke Ermonikke, More Ermonacze.

Genauso kann aber aus einer "Urte Aszmonate" nach der Flucht in den Westen eine "Ute Aschmann" werden. Wer sich in memelländische Kirchenbücher eingelesen hat, dem werden unzählige weitere Beispiele bei der Hand sein. Als ein letztes und prominentes Beispiel soll der Name Füllhaase dienen: Er wird zu Pilosas, weil der litauisch sprechende Memelländer nicht nur das H weglässt, sondern ein F zu einem P werden lässt, ein ü typisch ostpreußisch zu einem i verändert, so dass das Ergebnis den Experten nicht wunderlich erscheint, hat er vorher die gelernten Regeln verinnerlich.

Hier seien noch weiteren lautliche oder orthographische Besonderheiten kurz aufgeführt oder zusammengefasst:

  • a ist häufig in memelländischen Namen zu o umgelautet: Szabries = Szobries
  • ae siehe auch e
  • b siehe auch p, w
  • c siehe auch cz, k, z
  • ch wird in memelländischen Namen häufig zu k umgewandelt: Heinrich = Endriks
  • chs siehe auch x
  • cz siehe auch c, sch, sz, tsch
  • d siehe auch t
  • e siehe auch ae, oe
  • eu siehe auch ei
  • f wird in memelländischen Namen häufig zu p umgewandelt : Friedrich = Pridriks, sonst w
  • g siehe auch j, auch wie stimmhaft-weiches ch
  • h fällt in memelländischen Namen zum Teil weg: Hermann = Ermons, kommt fast nur in Fremdwörtern vor
  • i siehe auch ue, y
  • j siehe auch g
  • ij sprich langes i
  • k siehe auch c, ch
  • o kann in memelländischen Namen auch für a stehen
  • oe siehe auch e
  • p kann in memelländischen Namen auch für f stehen, sonst b
  • q siehe auch kw
  • s siehe auch z, sz, sch/ s scharf wie ss oder ß
  • t siehe auch d
  • tsch siehe auch cz, c
  • sch siehe auch cz, sz, ß
  • sz siehe auch cz, sch, z, ß, š (sch), ž (zh wie in Journal oder Gelee)
  • ue siehe auch i
  • v siehe w
  • w siehe auch b
  • x siehe auch chs, ks, gz
  • y siehe auch i
  • z siehe auch c, s, sz, ß, ž (zh wie in Journal oder Gelee)/ z wie stimmhaftes s in "sausen"
  • ß siehe auch sch, sz

Eine besondere Gemengelage

Zur Zeit scheint es eine Mode zu geben, Namen des nördlichen Ostpreußen ausschließlich hochlitauisch abzuleiten. Dabei findet man hochlitauische Namen eher in der Region Pillkallen-Goldap, wobei man auch da nie sicher sein kann, ob es sich nicht um ursprünglich prußisch-sudauische Namen handelt. Für das nordwestliche Ostpreußen, also das Memelland, sind zunächst prußische und nehrungskurisch-lettische, dann niederlitauische (szemaitische) und mittellitauische und schließlich hochlitauische (aukschtaitsche) Einflüsse zu beachten. Deutsche Einflüsse spielen auf dem Lande so gut wie gar keine Rolle, außer Pastöre, Dolmetscher und Standesbeamte haben nach Gehör aufgeschrieben und verhunzt.

Erheblich ist im nordwestlichen Ostpreußen der Einfluss szemaitischer Namen, die ihrerseits durch die kurische Sprache beeinflusst sind und sich deutlich von aukschtaitschen unterscheiden, was wohl durch das längere Festhalten an der alten heidnischen Religion liegen mag, im Gegensatz zum polnisch-katholischen Hochlitauen. Zur Zeit als in Ostpreußen Familiennamen entstanden, war die litauische Sprache zugunsten der polnischen nahezu ausgestorben. Sie wurde mit Hilfe der prußischen Sprache quasi rekonstruiert und von Königsberg aus durch das Verteilen gedruckter Bücher in Litauen wieder reanimiert.

Ostpreußisch-baltische Namen unterliegen (leicht aus der Geschichte heraus zu verstehen, so man sie denn nicht nachträglich umkrempeln will) einer anderen Dynamik als polnisch-litauische. Im eingangs erwähnten Modetrend wird behauptet „Endungen fallen durch deutschen Einfluss ab“ (-aitis, -eitis wird zu –ait, -eit oder –at). Anders herum ist es zutreffend: Es fällt keine Endung ab sondern es kommt eine hinzu. Der Enkel hängt an die Sohnesendung (-at, -eit, -ait) ein „-is“ an, sobald er einen eigenen Mannesstamm gründet. Man kann also an einem „-ait, -eit, -at“ einen Sohn erkennen und an einem „-aitis, -eitis, -atis“ einen Enkel und findet so zu dem ursprünglichen Stammnamen.

Man sollte sich beim Deuten der Namen des nordwestlichen Ostpreußen vor Schnellschüssen hüten. Wer allein litauisch deutet und wer zudem aukschtaitsch mit szemaitisch gleichsetzt, vergibt viele Chancen. Gerade diese Gemengelage aus prußisch, kurisch, nehrungskurisch, lettisch, szemaitisch, litauisch und deutsch macht die Sache sehr spannend. Monokausales Denken ist bei der ostpreußischen Nameninterpretation wenig hilfreich.

Ortsname - Familienname/ Personenname - Ortsname

Es gibt zwei grundsätzliche Bildungen:

Aus Ortsnamen werden Familiennamen

Diese Namen sind in der Regel älter und weisen teilweise bis in die Steinzeit zurück. Sie beziehen sich auf natürliche Gegebenheiten:

  • Lasdehnen/ Laxdenen: Haselnuss (lagzde, laxde, laxte, lazdynas), eine wichtige Nahrungsquelle für damalige Menschen
  • Lepalothen: Linde/ Berszienen: Birke
  • Purwienen/ Ballethen : Sumpf
  • Gudwallen/ Guttstadt: Gebüsch, Buschwald

Als im 16. Jahrhundert Familiennamen zusätzlich zum Vornamen üblich wurden, erhielten alle Einwohner eines Ortes diesen Namen (außer sie hatten inzwischen eine eigene Berufsbezeichnung oder einen eigenen Spitznamen erworben). Es sind also Herkunftsnamen.

Aus Personennamen werden Ortsnamen

Als der Ritterorden die Prußen besiegt hatte und die Landschaft wüst geworden war, wurden zur Rekultivierung Locatoren eingesetzt, die ihrerseits das Land an Bauern unterverteilen mussten. Diese Ortsnamen erkennt man daran, dass sie sich auf die soziale Stellung, den Beruf, das Aussehen oder die Wesensart des Ortsgründers beziehen:

  • Packmohren/ Waldaukadel/ Karakehmen: Friedensreiter/ Herrscher/ König (Häuptling)
  • Kanthen/ Kantweinen/ Getkandten: Musiker
  • Margis/ Margen-Peter: sommersprossig
  • Megusen/ Miggental: Langschläfer

Hier erhielten sämtliche Familiennmitglieder, das Gesinde des Clans sowie Zugezogene den Namen des Ortsgründers, selbst wenn sie gar nicht mit ihm blutsverwandt waren.


Betonung

Zweisilbige Namen werden in der Regel auf der zweiten Silbe, also auf der Endung betont:

  • Rudat
  • Kakys
  • Tupat
  • Sakuth
  • Zwegat


Zweisilbige Namen mit -us/ -is/ -ius/ -io - Endungungen werden auf dem Wortstamm betont:

  • Szillis
  • Laurus
  • Lacknius
  • Brozio


Mehrsilbige Namen werden wie im Griechischen auf der drittletzten Silbe betont:

  • Nattkischkies
  • Lauruschat
  • Kukullis


  • Kellmischkatis
  • Endruweitis

Bibliographie

  • FENZLAU, Walter: Die deutschen Formen der litauischen Orts- und Personennamen des Memelgebiets, Halle a.d. Saale 1936. (154 S. In diesem Buch lässt sich eine große Anzahl memelländischer Familiennamen finden, deren Aussprache und Betonung auch in Lautschrift angegeben ist.)
  • KARGE, Paul: Die Litauerfrage in Altpreußen in geschichtlicher Beleuchtung, Königsberg 1925
  • SALYS, Anton: Die zemaitischen Mundarten, Teil 1: Geschichte des zemaitischen Sprachgebiets Tauta ir Zodis, Bd-VI Kaunas 1930 (= Diss.Leipzig 1930)
  • SCHMID, Wolfgang P.: Das Nehrungskurische, ein sprachhistorischer Überblick
  • SCHMID, Wolfgang P. (Hrg): Nehrungskurisch, Sprachhistorische und instrumentalphonetische Studien zu einem aussterbenden Dialekt, Stuttgart 1989