Endungen und Besonderheiten baltischer Familiennamen: Unterschied zwischen den Versionen

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*galas (pr),gallas, goli, gallen = Ende, am Ende, Streifen Ackerland
*galas (pr),gallas, goli, gallen = Ende, am Ende, Streifen Ackerland
*gallwa (pr), galva (lit), gallwen = Kopf, vorne
*gallwa (pr), galva (lit), gallwen = Kopf, vorne
*garben, garbis, garben  (pr), kalnas, kallen (lit): Berg, Erhebung
*garben, garbis, garben  (pr): Berg, Erhebung
*garren, garrewingi (pr) = heiß, feurig, gebrannt (Brandrodung)
*garren, garrewingi (pr) = heiß, feurig, gebrannt (Brandrodung)
*girren, girai (lit) = Wald
*girren, girai (lit) = Wald
*ien (pr), ehnen, ienen, iehnen, önen, öhnen = patronymer Ortsname  
*ien (pr), ehnen, ienen, iehnen, önen, öhnen = patronymer Ortsname  
*kalnas, kallen (lit): Berg, Erhebung
*kaimen, kaim, caym, kaymen, caymis (pr), kehmen, kemen, kemas  (lit): Dorf
*kaimen, kaim, caym, kaymen, caymis (pr), kehmen, kemen, kemas  (lit): Dorf
*keppen, keppeln, keps (pr) = kleine Erhebung
*keppen, keppeln, keps (pr) = kleine Erhebung
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*löpen, lappen, lopis, laps (pr) = Flamme, Brandrodung
*löpen, lappen, lopis, laps (pr) = Flamme, Brandrodung
*meden, medden, median (pr) = Wald
*meden, medden, median (pr) = Wald
*monienen, moniniks (pr-schal) = Wahrsager
*monienen, maniniks, moniniks (pr-schal) = Wahrsager
*muth, muten, mut (pr) = waschen, auswaschen, ausgewaschen (Küstenregion)
*muth, muten, mut (pr) = waschen, auswaschen, ausgewaschen (Küstenregion)
*kojen, koyen, koije (lit) = Fuß (Hinweis auf schlecht zugängiges Gelände)
*kojen, koyen, koije (lit) = Fuß (Hinweis auf schlecht zugängiges Gelände)
*nicken, ehnen, öhnen, ehlen: Bewohner (später Ort)
*naggen, nagis, titnagas (pr) = Feuerstein
*ow, off (pr), iszkis (zem), auskas (lit), owski (pol): Bezug zu einem Ort oder einem Ortsgründer
*ninken, ningken, nicken (pr), nicken, ehnen, öhnen, ehlen: Bewohner (später Ort)
*nischken,niskystints (pr) = verunreinigt, wüst
*ow, off (pr), iszkis (zem), auskas (lit), owski (pol), owen, auen (dt): Aue, Flusswiese, auch Bezug zu einem Ort oder einem Ortsgründer
*pelken, pelkis (pr) = Acker, Unland, Moorbruch, Wäldchen, Gebüsch, nur für Ziegen als Weide nutzbar
*ponen, pohnen, pönen, pöhnen, pons (pr) ponas (lit) = Herr (einem Führer oder Häuptling gehöriges Land)
*rak, racken, rakt (pr-sud) = hacken, umgraben
*semen, szemen, semen, same (pr), žeme (lit) = Erde, unten wohnend
*schruten, skruten, skrut (pr) = zugeschnitten
*ski, sky (slaw): Hinweis auf eine Sippen- oder Ortszugehörigkeit
*tauten, tauta, tauto (pr) = eigenes Land, Volk
*tecken, teggen, teickut (pr) = machen (urbar gemacht)
*traken, trakas (balt) = Lichtung, Sumpfniederung
*wet, wethen, weiten, weitschen, weita (pr) = Ort oder "wet" = entflammen, Brandrodung
*wischken, wischerad (pr) = alt
*witt, witten, wied, wieden (pr), viet (lit), witz, vitz, ice, vice, icius (slaw): Hinweis auf einen Ältesten oder Feudalherrn als Ortsgründer
*witt, witten, wied, wieden (pr), viet (lit), witz, vitz, ice, vice, icius (slaw): Hinweis auf einen Ältesten oder Feudalherrn als Ortsgründer
*ski, sky (slaw): Hinweis auf eine Sippen- oder Ortszugehörigkeit
*woren, woras (pr) = alt


===Besonderheiten===
===Besonderheiten===

Version vom 10. Januar 2010, 21:26 Uhr

Bitte beachten Sie auch die Datensammlung aller bisher erfassten Personen aus dem Memelland


Die besonderen Formen der memelländischen Familiennamen

Die meisten memelländischen Familiennamen sind baltischer Herkunft und wurden von einer Bevölkerung getragen, die größtenteils litauischsprachig war. Im Gegensatz zu den deutschen Familiennamen sind preußisch-litauische, wozu die meisten memelländischen gehören, starken Veränderungen unterworfen, die Familienforschern, die noch am Anfang ihrer Forschungen stehen, gewöhnlich Anfangsschwierigkeiten bereiten.

Dazu zählen folgende Punkte:

  • Besondere Endungen für unverheiratete und verheiratete Frauen
  • Regionale und dialektale Unterschiede in der Bildungsweise
  • Übergang von deutschen Namen in litauische Formen und umgekehrt


Prußische männliche Endungen

  • ad, aim, ain, aine, ak, al, am, ande, andunt, ant, ar, aris, as, asie, at, ati, aule, au, aut, ay, ayne
  • both
  • de
  • ede, edis, eg, ege, eide, eik, eike, ein, ek, eka, eke, eko, ekst, ekste, el, elle, em, enne, enk, enko, es, ese, esche, esse, et, ew, ewe
  • go
  • ides, iede, ik, icke, ike, ika, iko, ikst, il, ile, im, in, ing, inne, inis, io, iot, int, inte, ir, is, isk, iske, isko, ist, it, ius, y, yna, ys
  • ijus
  • ke, ko, kant
  • man, mes, ms
  • nik, nick, nitt
  • oda, oi, ois, oj, ol, ok, oke, ole, on, uon, one, or, os, ot, ote, otte, ow
  • te
  • uis, uk, ucke, uku, ukste, ul, ule, ulo, un, une, aun, us, ute, utte

Litauische männliche Endungen

  • aini, ainja
  • ena
  • ik, ininkas, ytis, iszka, ykstis
  • kus (ist zemaitisch)
  • oise, ok, ona, ot, ovas (otis ist zemaitisch)
  • ul, una, unja, ut, utis, uzis

Kurisch-lettische männliche Endungen

  • elis, ellis (männlich), drückt Verachtung, Spott oder Ironie aus (ele: weiblich)
  • ing, inga (ite: weiblich), ingsch, insch, ische, itis
  • uische, uischel
  • ul

Slawische männliche Endungen

  • avu, iku, utu, iewicz, ovitch

Baltische Endungen für männliche Nachkommen

  • -ait, -aitis, -atis, -inis, -ius, -enas, -onis, -unas, -ynas (-at, -eitis, -eit sind eingedeutschte Formen).

Verkleinerungsformen

  • el, ytis
  • uischele (Diminutiv von uische)
  • ullis (Diminutiv von ul)
  • utis, utti
  • ian (zärtliche Form für ein Baby oder Tierjunges)


Besondere Endungen für unverheiratete und verheiratete Frauen

Als Beispiel soll ein häufiger Familiennamen aus dem Memeland gelten: Naujoks (dt. ungefähr Neusasse, Neumann).

Der Vater heißt Jurgis Naujoks (Jurgis = dt. Georg, siehe dazu Memelländische Vornamen). Die ledige Tochter dieses Jurgis Naujoks heißt im Kirchspiel Prökuls memelländisch-litauisch Naujokate, wobei die Endung -ate an den Stamm Naujok- unter Hinwegnahme des -s gesetzt wurde und ungefähr dem veralteten deutschen "Fräulein" entspricht, also Fräulein Naujoks. Da die Endung -ene verheiratete Frauen bezeichnet, heißt die Ehefrau des Jurgis Naujoks folgerichtig Naujokene, übersetzt ungefähr wie die Naujoksche, die Naujokin (allerdings ohne abfälligen Nebensinn) oder einfach Frau Naujoks. Eine -yte-Endung weist auf väterliches -is und -ys, eine -ute-Endung auf väterliches -ius und -us (-aty ist eine moderne amerikanisierte Form).


Regionale und dialektale Unterschiede in der Bildungsweise

Findet man nun die Endung -ene für verheiratete Frauen im gesamten Memelgebiet, so ist die Endung für unverheiratete Frauen regional stark unterschiedlich. Wanderte man ein wenig weiter nördlich aus dem Kirchspiel Prökuls in das Kirchspiel Memel Land, so fand man besonders im frühen 19.Jahrhundert dort statt -ate häufiger die Endung -alle, dort hieß die Tochter des Jurgis Naujoks also Naujokalle. Wanderte man aber statt nach Norden in Richtung Süden, nach Werden, Kinten (Kr.Heydekrug) oder Ruß, so fand man dort häufiger die Endung -ikke, also Naujokikke. In der Niederung findet man dagegen die Endung -ike. Enden männliche Namen auf -a oder -as, so ist die litauische Endung für die unverheiratete Tochter -aite, die zemaitische jedoch -aitis.

Es gab außerdem noch im 18.Jahrhundert statt -ate die Form -acze (dazu noch Sonderformen auf -aus von Familiennamen auf -us wie Wenskus, die einen Genitiv darstellen), so dass für ein und dieselbe weibliche Person Naujoks folgende Formen in Kirchenbüchern gefunden werden können: Naujokate, Naujokalle, Naujokikke, Naujokacze, wobei orthographische Abweichungen noch gar nicht berücksichtigt sind.

Diese Formen können in den Kirchenbücher besonders bei den Taufen nachgeprüft werden, wo die Mütter mit ihren Mädchennamen (im eigentlichen Sinne des Wortes !) auftauchen. Die Namensformen für verheiratete Frauen auf -ene finden sich häufig in Heiratsregistern, wenn Witwen heiraten. Dann steht dort "die Witwe Naujokene geb. Wenskate heiratet ...".

Übergang von deutschen Namen in litauische Formen und umgekehrt

Gänzlich verwirrt wird dann jemand, der gestern noch glaubte, Mueller mit "ue" hätte nichts mit denen auf "ü" zu tun, wenn dann noch die Familiennamen durch die Sprachen wandern: "Die Liebe fällt hin wo sie will". So heiratete ein Memelländer, dessen Muttersprache das Deutsche war, auch einmal eine memelländisches Litauerin oder umgekehrt. Gegen das Ende des 19.Jahrhundert war man sowieso vielerorts zweisprachig. Der glücklich Vermählte mag Georg Herrmann geheißen haben, so wird aus ihm, da er zu seiner memelländisch-litauischen Frau und deren Verwandschaft gezogen war, bei der Taufe ihres ersten Kindes ein Jurgis Ermons. Wie kommt es dazu ? Jurgis entspricht dem dt. Georg (siehe dazu Memelländische Vornamen). Da der memelländische Litauer in seiner Sprache nicht gewohnt war, ein H zu sprechen, fällt dieses häufig fort, ein a/o-Wechsel ist typische für memelländisches Namen, und eine Endung -s wie bei Naujok-s auch. Also ist es nicht weit von Herrmann zu Ermons, denn die Doppelkonsonanten "rr" sind auch entbehrlich. Stellen wir uns vor, nicht Herrmann hat in eine memelländisch-litauische Familie eingeheiratet, sondern seine Schwester Marie Herrmann !

Aus ihr könnte werden Maryke Ermonate, Marre Ermonalle, Marinke Ermonikke, More Ermonacze.

Genauso kann aber aus einer "Urte Aszmonate" nach der Flucht in den Westen eine "Ute Aschmann" werden. Wer sich in memelländische Kirchenbücher eingelesen hat, dem werden unzählige weitere Beispiele bei der Hand sein. Als ein letztes und prominentes Beispiel soll der Name Füllhaase dienen: Er wird zu Pilosas, weil der litauisch sprechende Memelländer nicht nur das H weglässt, sondern ein F zu einem P werden lässt, ein ü typisch ostpreußisch zu einem i verändert, so dass das Ergebnis den Experten nicht wunderlich erscheint, hat er vorher die gelernten Regeln verinnerlich.

Toponyme, Hinweise auf natürliche Gegebenheiten und Kultstätten

  • ape (pr), upe (lit): Fluss (apen, appen, upen, uppen, upchen)
  • bala (pr, lit), ballen = Sumpf, Bruch
  • bitten, biten, bitschen, pitschen, peitschen, bitun (pr) = wehrhafter Holzverhau, militärische Sperre
  • daggat (pr), daggen = feines Birkenharz (Hinweis auf Heiler und "Quacksalber"/ Hersteller von Pflegemitteln)
  • galas (pr),gallas, goli, gallen = Ende, am Ende, Streifen Ackerland
  • gallwa (pr), galva (lit), gallwen = Kopf, vorne
  • garben, garbis, garben (pr): Berg, Erhebung
  • garren, garrewingi (pr) = heiß, feurig, gebrannt (Brandrodung)
  • girren, girai (lit) = Wald
  • ien (pr), ehnen, ienen, iehnen, önen, öhnen = patronymer Ortsname
  • kalnas, kallen (lit): Berg, Erhebung
  • kaimen, kaim, caym, kaymen, caymis (pr), kehmen, kemen, kemas (lit): Dorf
  • keppen, keppeln, keps (pr) = kleine Erhebung
  • kin, kinnen (pr-sud) = Lager, Höhle, Versteck
  • kurren, kurre (pr) = Truthenne
  • langa (n-kur) = Sumpfloch, unergründlicher Sumpf
  • langa (pr) = Bach
  • lanken, lenken, lanka, lenke (pr) Wiese, Talaue am Fluss
  • lauken, laugken, lack, lacken, laukas (balt) = Feld, Acker
  • linken, linkas (pr) = das Verlassene
  • liepen, lepen, löpen, lipa, liepe (pr), lepa (pr.-schal.), liepa (lit) = Linde
  • lischken, lischkis, likine (pr) = Ansiedlung in Nähe einer Burg oder Stadt
  • löpen, lappen, lopis, laps (pr) = Flamme, Brandrodung
  • meden, medden, median (pr) = Wald
  • monienen, maniniks, moniniks (pr-schal) = Wahrsager
  • muth, muten, mut (pr) = waschen, auswaschen, ausgewaschen (Küstenregion)
  • kojen, koyen, koije (lit) = Fuß (Hinweis auf schlecht zugängiges Gelände)
  • naggen, nagis, titnagas (pr) = Feuerstein
  • ninken, ningken, nicken (pr), nicken, ehnen, öhnen, ehlen: Bewohner (später Ort)
  • nischken,niskystints (pr) = verunreinigt, wüst
  • ow, off (pr), iszkis (zem), auskas (lit), owski (pol), owen, auen (dt): Aue, Flusswiese, auch Bezug zu einem Ort oder einem Ortsgründer
  • pelken, pelkis (pr) = Acker, Unland, Moorbruch, Wäldchen, Gebüsch, nur für Ziegen als Weide nutzbar
  • ponen, pohnen, pönen, pöhnen, pons (pr) ponas (lit) = Herr (einem Führer oder Häuptling gehöriges Land)
  • rak, racken, rakt (pr-sud) = hacken, umgraben
  • semen, szemen, semen, same (pr), žeme (lit) = Erde, unten wohnend
  • schruten, skruten, skrut (pr) = zugeschnitten
  • ski, sky (slaw): Hinweis auf eine Sippen- oder Ortszugehörigkeit
  • tauten, tauta, tauto (pr) = eigenes Land, Volk
  • tecken, teggen, teickut (pr) = machen (urbar gemacht)
  • traken, trakas (balt) = Lichtung, Sumpfniederung
  • wet, wethen, weiten, weitschen, weita (pr) = Ort oder "wet" = entflammen, Brandrodung
  • wischken, wischerad (pr) = alt
  • witt, witten, wied, wieden (pr), viet (lit), witz, vitz, ice, vice, icius (slaw): Hinweis auf einen Ältesten oder Feudalherrn als Ortsgründer
  • woren, woras (pr) = alt

Besonderheiten

Hier seien noch weiteren lautliche oder orthographische Besonderheiten kurz aufgeführt oder zusammengefasst:

  • a ist häufig in memelländischen Namen zu o umgelautet: Szabries = Szobries
  • ae siehe auch e
  • b siehe auch p, w
  • c siehe auch cz, k, z
  • ch wird in memelländischen Namen häufig zu k umgewandelt: Heinrich = Endriks
  • chs siehe auch x
  • cz siehe auch c, sch, sz, tsch
  • d siehe auch t
  • e siehe auch ae, oe
  • eu siehe auch ei
  • f wird in memelländischen Namen häufig zu p umgewandelt : Friedrich = Pridriks, sonst w
  • g siehe auch j, auch wie stimmhaft-weiches ch
  • h fällt in memelländischen Namen zum Teil weg: Hermann = Ermons, kommt fast nur in Fremdwörtern vor
  • i siehe auch ue, y
  • j siehe auch g
  • ij sprich langes i
  • k siehe auch c, ch
  • o kann in memelländischen Namen auch für a stehen
  • oe siehe auch e
  • p kann in memelländischen Namen auch für f stehen, sonst b
  • q siehe auch kw
  • s siehe auch z, sz, sch/ s scharf wie ss oder ß
  • t siehe auch d
  • tsch siehe auch cz, c
  • sch siehe auch cz, sz, ß
  • sz siehe auch cz, sch, z, ß, š (sch), ž (zh wie in Journal oder Gelee)
  • ue siehe auch i
  • v siehe w
  • w siehe auch b
  • x siehe auch chs, ks, gz
  • y siehe auch i
  • z siehe auch c, s, sz, ß, ž (zh wie in Journal oder Gelee)/ z wie stimmhaftes s in "sausen"
  • ß siehe auch sch, sz

Eine besondere Gemengelage

Von Westen und Süden nach Nordost: kurische u. prußische, niederlitauische und hochlitauische Sprachgebiete

Ostpreußische Familiennamen entstanden spät, denn in den Türkensteuerlisten von 1540 kam man noch weitgehend mit Vornamen aus. Als Nachnamen finden sich außer einigen alten Namen meist nur Berufsbezeichnungen und Spitznamen zur Unterscheidung.

Zur Zeit scheint es eine Mode zu geben, Namen des nördlichen Ostpreußen ausschließlich hochlitauisch abzuleiten. Dabei findet man hochlitauische (aukštaiče oder aukschtaitsche) Namen eher in der Region Pillkallen-Goldap, wobei man auch da nie sicher sein kann, ob es sich nicht um ursprünglich prußisch-sudauische Namen handelt, denn selbst der offizielle litauische Schulatlas geht mit deutschen Karten konform und weist Sudauen im 13. Jahrhundert links der Memel liegend und Litauen rechts der Memel liegend aus. Für das nordwestliche Ostpreußen, also das Memelland und die Elchniederung, sind zunächst prußische und nehrungskurisch-lettische, dann niederlitauische (zemaitisch und karschauisch), mittellitauische und schließlich auch wenige hochlitauische Einflüsse zu beachten. Deutsche Einflüsse spielen auf dem Lande so gut wie gar keine Rolle, außer Pastöre und Standesbeamte haben nach Gehör aufgeschrieben und verhunzt. Die Besonderheit der Namen die mit Sz beginnen, geht auf polnische Dolmetscher zurück. Bereits der Ritterorden hatte polnische Dolmetscher eingesetzt, weil er glaubte, dass diese als Nachbarn die baltischen Sprachen verstehen könnten. Da es jedoch den baltischen ž-Laut im Polnischen nicht gibt, setzte man das annähernd klingende sz ein.

Erheblich ist im nordwestlichen Ostpreußen der Einfluss zemaitischer Namen, die ihrerseits durch das Altkurische beeinflusst sind und sich deutlich von aukschtaitschen unterscheiden, was wohl am längeren Festhalten an der alten heidnischen Religion liegen mag, im Gegensatz zum polnisch-katholischen Hochlitauen. Zur Zeit als in Ostpreußen Familiennamen entstanden, war die litauische Sprache zugunsten der polnischen nahezu ausgestorben. Sie wurde mit Hilfe der prußischen Sprache quasi rekonstruiert und von Königsberg aus durch das Verteilen gedruckter Bücher in Litauen wieder reanimiert, mit der Folge, dass viele litauische Namen prußische Wurzeln haben.

Ostpreußisch-baltische Namen unterliegen (leicht aus der Geschichte heraus zu verstehen, so man sie denn nicht nachträglich umkrempeln will) einer anderen Dynamik als polnisch-litauische. Im eingangs erwähnten Modetrend wird behauptet „Endungen fallen durch deutschen Einfluss ab“ (-aitis, -eitis wird zu –ait, -eit oder –at). Für Ostpreußen trifft jedoch die archaische prußische Regel zu: Es fällt keine Endung ab sondern es kommt eine hinzu. Der Enkel hängt an die Sohnesendung (-at, -eit, -ait) ein „-is“ an, sobald er einen eigenen Mannesstamm gründet. Man kann also an einem „-ait, -eit, -at“ einen Sohn erkennen und an einem „-aitis, -eitis, -atis“ einen Enkel und findet so zu dem ursprünglichen Stammnamen.

Man sollte sich beim Deuten der Namen des nordwestlichen Ostpreußen vor Schnellschüssen hüten. Wer allein litauisch deutet und wer zudem aukschtaitsch mit zemaitisch gleichsetzt, vergibt viele Chancen. Gerade diese Gemengelage aus prußisch, kurisch, nehrungskurisch, lettisch, zemaitisch, litauisch und deutsch macht die Sache sehr spannend. Monokausales Denken ist bei der ostpreußischen Nameninterpretation wenig hilfreich. Das gilt ebenso für eine konstruierte Ableitung aus dem Deutschen, nur weil phonetische Ähnlichkeiten bestehen.

Ein weiteres Phänomen soll hier nicht verschwiegen werden. Für Prußen war es bereits zur Ordenszeit günstiger für das eigene Fortkommen und das seiner Nachkommen, eine deutsche Herkunft vorzugaukeln. Also wurden baltische Namen einfach ins Deutsche übersetzt oder lautsprachlich derart angepasst, dass sie für deutsche Pfarrer (und später für Standesbeamte) einen Sinn in deren Sprache machten. Zudem konnten die Einheimischen jahrhundertelang beobachten, dass Einwanderer aus dem europäischen Ausland stets priviligiert behandelt wurden und zogen daraus ihre Schlüsse. Nach dem 1. Weltkrieg und den daraus folgenden Konsequenzen des Versailler Abkommens und den damit verbundenen Volksabstimmungen zogen es viele Masuren vor, einen deutschen Namen zu wählen um ihre Zugehörigkeit zu Deutschland zu dokumentieren. Schließlich waren ihre Vorfahren vor der Willkür der polnischen Adelsherren ins freiere Recht Preußens geflohen. Dorthin wollte man nicht zurück, zumal bekannt war, dass sich das persönliche Auskommen rapide verschlechtern würde, sobald man zu Polen gehören würde. Eine nächste Welle von Namenänderungen ergab sich durch die Rassenpolitik des 3. Reiches. Viele Ost- und Westpreußen baltischer, masovischer, kaschubischer oder polnischer Herkunft änderten freiwillig ihre Namen, manchmal als Übersetzung, manchmal willkürlich. Es war nämlich durchgesickert, dass die baltischen Völker zwar als "lebenswerte Völker" eingestuft würden, sie fürchteten jedoch ebenso wie die Masuren und Polen zu "Sklaven des `Großdeutschen Reiches´" gemacht zu werden. In jedem Fall war eine deutsche Herkunft vorzuziehen.

So ist bei Ahnenforschern dieser Generationen oft das fast ängstliche Bemühen anzutreffen, ihre baltischen oder slawischen Namen zu verleugnen und irgendwie eine deutsche Ableitung zu begründen. In fast jeder ost- oder westpreußischen Familie existieren Legenden über eine angebliche Herkunft aus Salzburg oder der Schweiz oder über eine angebliche Abstammung von Hugenotten, Nordfranzosen, Schotten oder wenigstens Friesen oder Schweden.

Ortsname - Familienname/ Personenname - Ortsname

Es gibt zwei grundsätzliche Bildungen:

Aus Ortsnamen werden Familiennamen

Diese Namen sind in der Regel älter und weisen teilweise bis in die Steinzeit zurück. Sie beziehen sich auf natürliche Gegebenheiten:

  • Lasdehnen/ Laxdenen: Haselnussstrauch (pr. lagzde, laxde, laxte; lit. lazdynas; lett. lagsda), eine wichtige Nahrungsquelle für damalige Menschen
  • Lepalothen/ Liebken: Linde
  • Berszienen/ Berzischken: Birke
  • Purwienen/ Ballethen : Sumpf
  • Gudwallen/ Guttstadt: Gebüsch, Buschwald

Als im 16. Jahrhundert Familiennamen zusätzlich zum Vornamen üblich wurden, erhielten alle Einwohner eines Ortes diesen Namen (außer sie hatten inzwischen eine eigene Berufsbezeichnung oder einen eigenen Spitznamen erworben). Es sind also Herkunftsnamen.

Aus Personennamen werden Ortsnamen

Als der Ritterorden die Prußen besiegt hatte und die Landschaft wüst geworden war, wurden zur Rekultivierung Locatoren eingesetzt, die ihrerseits das Land an Bauern unterverteilen mussten. Diese Ortsnamen erkennt man daran, dass sie sich auf die soziale Stellung, den Beruf, das Aussehen oder die Wesensart des Ortsgründers beziehen:

  • Packmohren/ Waldaukadel/ Karakehmen: Friedensreiter/ Herrscher/ König
  • Kanthen/ Kantweinen/ Getkandten: Musiker
  • Margis/ Margen-Peter: sommersprossig
  • Megusen/ Miggental: Langschläfer
  • Qualiten: dumm, einfältig

Hier erhielten sämtliche Familiennmitglieder, das Gesinde des Clans sowie Zugezogene den Namen des Ortsgründers, selbst wenn sie gar nicht mit ihm blutsverwandt waren.

Betonung

Zweisilbige Namen werden in der Regel auf der zweiten Silbe, also auf der Endung betont:

  • Rudat
  • Kakys
  • Tupat
  • Sakuth
  • Zwegat


Zweisilbige Namen mit -us/ -is/ -ius/ -io - Endungungen werden auf dem Wortstamm betont:

  • Szillis
  • Laurus
  • Lacknius
  • Brozio


Mehrsilbige Namen werden wie im Griechischen auf der drittletzten Silbe betont:

  • Nattkischkies
  • Lauruschat
  • Kukullis


  • Kellmischkatis
  • Endruweitis

Der ž-Laut

Polnische Übersetzer schrieben baltisch ž als sz auf, weil ihnen dieser Laut unbekannt war. Das polnische sz entspricht dem deutschen sch, das wiederum im Baltischen als š dargestellt dargestellt wird. Aber auch hierfür setzten die Dolmetscher das sz ein, so dass es bei der Ableitung von Sz-Namen besonders wichtig ist die Wurzel zu finden. Der Laut ž wird weich-stimmhaft ausgesprochen wie das G in Gelee oder das J in Journal.

Typische Fehlinterpretationen

In Namenbüchern deutscher Autoren und bei sonstigen unkundigen Interpreten besteht eine allzu bequeme (aber falsche) Neigung einen baltischen Nachnamen einem deutschen Vornamen zuzuordnen. Selbst in Meyers Lexikon findet man Beispiele für Falschdeutungen.

  • Annas, Annies (pr. einer von uns, einer aus unserer Gegend) von Anastasius oder Anna
  • Aschmies (lett. hinter dem Wald) von Asmus
  • Baltrusch (lit. weißes Kaninchen) von Balthasar oder Bartolomäus
  • Bender (lit. Teilhaber) von Benedikt
  • Dangel (kur. tief eingegraben und sich windend, auch Dreiecksfläche im Flussdelta) von Daniel
  • Dawils (balt. Geschenk, Gabe) von David
  • Dobrat (pruß. tiefe Stelle im Wald) von Tobias
  • Dowidat (sanskrit kundig, gescheit) von David
  • Gilge (balt. tief eingegraben) von Aegidius
  • Kerstein (pruß. Holzfäller) von Christian
  • Klawke (lett. Ahorn) von Klaus
  • Korell, Carell (pruß. Bienenzüchter) von Karl oder Cornelius
  • Kryszun, Kriszun, Krisch (balt. heidnischer Priester) von Christian
  • Kundrat (lit. Färberröte) von Konrad
  • Lukies (balt. Teichrose, Lauch) von Lukas
  • Mattutat (balt. Landvermesser) von Matthias
  • Moraut, Mauritis (pruß. Entenflott, Sumpfwiese) von Moritz, Mauritius
  • Tobien (kur. tiefe Stelle) von Tobias
  • Stanko (pruß. beengte Wohnlage) von Stanislaus
  • Urbat (kur. Kunsthandwerker) von Urban


Ebenso typische Fehlinterpretationen passieren selbst renommierten Instituten, wenn angenommen wird, man könne einen baltischen Namen einem deutschen Satznamen oder einem Beruf zuordnen oder auf persönliche Eigenheiten schließen. Dabei wird stets von deutscher oder eventuell noch von slawischer Ableitung ausgegangen und ähnlich klingende baltische Begriffe werden gar nicht erst in Erwägung gezogen. Die Ursache mag darin zu sehen sein, dass es praktisch keine deutsche Universität mehr gibt, die Baltistik unterrichtet, so dass sich fast ausschließlich Germanisten und Slawisten an baltischen Namen versuchen:

  • Anhut (pr. der Einsame) von dt. "ohne Hut"
  • Arbeiter (pr. pflügt eigenes Land) von dt. "Arbeit"
  • Dickhaut (pr.-lit. Dachdecker) von dt. "dickhäutig" (unsensibel)
  • Eisenblätter (pr. Wehranlage am schnellen Fluss) von dt. "Eisenarbeiter/ Walzschmied"
  • Fleischhut (pr. der Gastfreundliche) von dt. "Fleischer"
  • Gutzeit (pr. im Buschwald lebend) von dt. "gute Zeit"
  • Habedank (pr. hochgewachsen) von dt. "Hab Dank"
  • Kahlweiß (pr. Schmied) von dt. "helles Aussehen"
  • Packmor (pr. Friedensreiter) von dt. "Pack am Ohr" (als Synonym für einen Raufbold)
  • Rauhut (pr. Heiler) von dt. "filziger Hut"
  • Swars (pr. Berufsname; Waage) von dt. "Schwarz"
  • Tolkien (balt. Makler, Übersetzer) von dt. "tollkühn"
  • Trinkaus (pr. verstockt, bockig) von dt. "trink aus" (Säufer)
  • Vierkant (pr. wilder Kämpfer) von dt. "vierschrötig oder Zimmermann"
  • Weisgut (pr. tapferer Krieger) von dt. "Weißgerber"
  • Weißhuhn (pr. Ort, Siedlung) von dt. "weißes Huhn"

Liste von Familiennamen

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Bibliographie

  • Babickiene, Zofija, Jasiunaite, Birute, Pečeliunaite, Angele, Bagužyte, Ruta: Mokomes Dialektologijos, Centrine Šiaures Žemaičiu Kretingiškiu Tarme, baltos lankos, Vilnius 2007
  • Berneker, Erich: Die preussische Sprache, Texte, Grammatik, Etymologisches Wörterbuch, Verlag Karl J. Trübner, Strassburg 1896
  • Bink, Karl Wilhelm: Ostpreussisches Niederdeutsch in Jahrbuch der Albertus-Universität zu Königsberg / Pr., Holzner- Verlag Kitzingen/ Main 1953 Bd. 3
  • Bukantis, Jonas, Leskauskaite, Asta, Saliene, Vilija: Vakaru Žemaičiai, Lietuviu Kalbos Institutas, Vilnius 2006
  • Fenzlau, Walter: Die deutschen Formen der litauischen Orts- und Personennamen des Memelgebiets, Halle a.d. Saale 1936. (154 S. In diesem Buch lässt sich eine große Anzahl memelländischer Familiennamen finden, deren Aussprache und Betonung auch in Lautschrift angegeben ist.)
  • Gerullis, Georg.: Zur Sprache der Sudauer-Jadwinger, in Festschrift A. Bezzenberger, Göttingen 1927
  • Karge, Paul: Die Litauerfrage in Altpreußen in geschichtlicher Beleuchtung, Königsberg 1925
  • Lepa, Gerhard (Hrsg): Die Sudauer, in Tolkemita-Texte Nr. 55, Dieburg 1998
  • Prellwitz, Walther: Lehnwörter im Preussischen und Lautlehre der deutschen Lehnwörter im Litauischen, Vandenhoeck & Ruprecht´s Verlag Göttingen 1891
  • Salys, Anton: Die zemaitischen Mundarten, Teil 1: Geschichte des zemaitischen Sprachgebiets Tauta ir Zodis, Bd-VI Kaunas 1930 (= Diss.Leipzig 1930)
  • Schmid, Wolfgang P.: Das Nehrungskurische, ein sprachhistorischer Überblick
  • Schmid, Wolfgang P. (Hrg): Nehrungskurisch, Sprachhistorische und instrumentalphonetische Studien zu einem aussterbenden Dialekt, Stuttgart 1989