Memelland
Politische Entstehung des Memellandes
Das Memelland, auch Memelgebiet, ist ein nach dem Ersten Weltkrieg von Ostpreußen abgetrenntes Territorium. Durch den Abschnitt X (Art. 99) des Versailler Vertrages wurden
- die Stadt Memel und
- der Kreis Memel unverändert als Stadt und Kreis Memel
und die nördlich der Memel liegenden Ortschaften
- des Kreises Heydekrug als Kreis Heydekrug
und die Ortschaften
- des Kreises Niederung (nur wenige Ortschaften: Groß Schilleningken, Heinrichsfelde, Klein Karzewischken, Klein Schilleningken, Leitgirren, Perwalkischken)
- des Kreises Tilsit
- des Kreises Ragnit als neuer Kreis Pogegen gebildet.
Somit stellte die südliche Grenze des Memellandes der Memelstrom dar: Der Unterlauf der Memel teilt sich dort in mehrere Arme, wobei die Grenzziehung dem Verlauf des Ruß- und Skirwiethstromes folgt. Für das Kurische Haff und die Kurische Nehrung bildet die alte Trennungslinie der Kreise Memel und Fischhausen die Grenze (siehe Karte).
Geschichte des Memellandes
Von 1252 bis 1525
- 1125-26 Der Deutsche Ritterorden kommt in das spätere Ostpreußen.
- 1252 Memel wird vom Livländischen Schwertritterorden gegründet. Memel gehörte zu dieser Zeit noch nicht zu Preußen, sondern zu dem von Riga aus verwalteten Gebiet des Schwertritterordens.
- 1422 Friede von Melnosee, Verzicht auf Szameiten. Die Grenze zwischen Ostpreußen und Litauen blieb seitdem bis 1920 unverändert.
- 1525 Der Ordensstaat Preußen wird zum Herzogtum unter Albrecht v. Brandenburg.
Von 1525 bis 1918
- 1709-10 Die Große Pest; 40 Prozent der Bevölkerung Nordostpreußens kommen um.
- 1732 kommen die aus Salzburg vertriebenen evangelischen Glaubenflüchtlinge an. Einige wenige kommen auch nach Memel, kurz nach der Mitte des 18.Jahrhunderts siedeln sich weitere Salzburger Familien im Gebiet des späteren Memellandes an.
- 1756-63 Der Siebenjähriger Krieg: Russen holzen Nehrungswald ab, Ortschaften werden verwüstet und müssen neu besiedelt werden.
- 1807-08 Memel wird im Kampf gegen Napeleon kurzfristig Königssitz des dorthin geflohenen preußischen Königspaares (König Friedrich Wilhelm III. u. Königin Luise). Seitdem gab es besonders im Kreis Memel eine große Verehrung der Königin Luise.
- 1854 Ein besonders schwerer Brand in der Geschichte der zahllosen Brände wütet in Memel; Neubau weiter Teile der Altstadt.
- 1871 Deutsche Reichsgründung: Memel nördlichste Stadt, Nimmersatt nördlichster Ort Deutschlands.
- 1914-18 Erster Weltkrieg. Einfall der Russen 1914/15 in das spätere Memelland. Brandschatzung von Gütern, öffentlichen und privaten Gebäuden, Greueltaten und Besetzung Memels, Flucht der Bevölkerung und Verschleppung der verbliebenen Zivilbevölkerung durch russische Behörden nach Sibirien (besonders aus den Kreisen Tilsit und Ragnit).
Von 1918 bis 1945
- Am 27.1.1920 wurde das Memelland vom Deutschen Reich abgetrennt und der Völkerbundsverwaltung (Französisches Mandat) unterstellt.
- 1923 wurde das Memelland durch als Zivilisten getarnte litauische Freischärler besetzt, die französischen Mandatstruppen vertrieben und später das Gebiet von Litauen annektiert.
- Ab 1924 war das Memelland durch die Memelkonvention ein autonomes Gebiet unter der Souveränität Litauens; Amtssprachen waren Deutsch und Litauisch. Es gab starke Spannungen innerhalb der mehrheitlich deutschgesinnten Bevölkerung mit den eine Litauisierung anstebenden litauischen Behörden, die in der Verhängung des Kriegszustandes und einiger Schauprozesse gipfelten.
- 1939 wurde das Gebiet wieder an das Deutsche Reich zurückgegeben und an Ostpreußen unter Bildung der Kreise Memel, Heydekrug und Tilsit-Ragnit (nördlich der Memel gelegener Teil) angliedert. Flucht der jüdischen Bevölkerung des Memellandes nach Litauen, meist in grenznahe Städte und Ortschaften.
- 1941 Überfall auf die Sowjetunion. Ermordung der jüdischen Bevölkerung Litauens, darunter auch jüdische Flüchtlinge aus dem Memelland.
- Nach der Flucht 1944/45 und nach weitesgehender Aussiedlung der in beträchtlicher Zahl in der Heimat verbliebenen oder nach Sibirien verschleppten Memelländer in den 50er und 60er Jahren, lebt der größte Teil der ehemaligen memelländischen Bevölkerung und deren Nachkommen heute in Deutschland.
- Das Memelgebiet gehört seit 1945 zu Litauen. Heute noch dort lebende Memelländer bekamen großenteils ihren nach 1945 verlorenen Besitz nach der Unabhängigkeit Litauens, wenn auch manchmal nur teilweise, zurückerstattet.
Landschaften des Memellandes
Der Name Memel leitet sich aus der kurischen Sprache ab: "memelis, mimelis" (stiller, langsamer, schweigender) und bezeichnet sowohl das Haff als auch den Oberlauf des Flusses. Der Fluss Minge stellt die Grenze zwischen den westbaltischen Völkern der Prußen und Kuren dar. Südlich der Minge lebte einst der Stamm der prußischen Schalauer, nördlich der Minge schlossen sich entlang der Ostseeküste die südkurischen Landschaften Lamotina (Gebiet um Heydekrug mit der Bedeutung sumpfig), Pilsaten (Gebiet um Memel mit der Bedeutung Stadt) und Megove (Gebiet um Polangen mit der Bedeutung waldreich) an. Die Kurische Nehrung gilt als kurisches Gebiet. Der Südosten des Memellandes wird den szemaitischen (niederlitauischen) Karschauern zugerechnet.
Kirchspiele des Memellandes
Stadt- und Landkreis Memel
Deutsch Crottingen, Dawillen, Kairinn, Karkelbeck, Memel, Nidden, Plicken, Prökuls, Schwarzort, Wannaggen.
Kreis Heydekrug
Heydekrug, Kinten, Seelsorgbezirk Neu Rugeln, Paleiten, Paszieszen, Ramutten, Ruß, Saugen, Wieszen, Werden.
Kreis Pogegen
Coadjuthen, Laugszargen, Nattkischken, Piktupönen, Plaschken, Pogegen, Robkojen, Rucken, Schmalleningken, Szugken, Willkischken, Wischwill.
Quellen
(Auswahl)
- HELING, Reinhold (Herausgeber): Die evangelischen Kirchengemeinden in Ostpreußen und Westpreußen in den Pfarr-Almanachen von 1912 und 1913, Hamburg 2000. (Photomechanischer Nachdruck des VFFOW)
- KAPS, Dr.Dr. Johannes (Bearbeiter): Handbuch über die katholischen Kirchenbücher in der Ostdeutschen Kirchenprovinz östlich der Oder und Neiße und dem Bistum Danzig, bearb. nach dem Stande vom 8. Mai 1945 - herausgegeben vom Katholischen Kirchenbuchamt und Archiv für Heimatvertriebene München, München 1962.
- Personalschematismus der Diözese Ermland und der Freien Prälatur Memel, Herausgegeben und vervielfältigt vom Bischöflich Ermländischen Generalvikariat in Frauenburg, Stand vom Mai 1944.
Standesämter des Memellandes
Im Jahre 1905 gab es folgende Standesämter auf dem späteren Territorum des Memellandes:
Stadt- und Landkreis Memel
Barschken, Bommelsvitte, Buddelkehmen, Dawillen, Groß Jagschen, Klausmühlen, Kollaten, Krottingen, Memel, Nidden, Prökuls, Sakuten, Königlich Schmelz, Schwarzort, Szarde, Truschellen, Wannaggen, Wittauten.
Kreis Heydekrug
Gaidellen, Heydekrug, Kinten, Kischken, Lapienen, Paszieszen, Rupkalwen, Ruß, Saugen, Schakunellen, Skirwietell, Skirwieth, Sziesze, Tattamischken, Trakseden, Uszlöknen, Wieszen.
Kreis Pogegen
Absteinen, Baubeln, Coadjuthen, Galsdon Joneiten, Kullmen, Laugszargen, Lompönen, Nattkischken, Piktupönen, Plaschken, Rucken, Schmalleningken, Szameitkehmen, Szugken, Timstern, Willkischken, Winge, Wischwill.
Quellen
- Gemeindelexikon für das Königreich Preußen: Auf Grund der Materialien der Volkszählung vom 1. Dezember 1905 bearbeitet vom Königlich Preußischen Statistischen Landesamte: Heft I: Gemeindelexikon für die Provinz Ostpreußen, Berlin 1907. (Photomechanischer Nachdruck des VFFOW Hamburg 2003)
Bibliographie des Memellandes
Allgemein
- KURSCHAT, Heinrich A.: Das Buch vom Memelland: Heimatkunde eines deutschen Grenzlandes, Oldenburg (Oldb.) 1968. (S.644. Standardwerk)
- LAPINS, Martina: Das Memelgebiet: Die Besiedlung des Memelgebiets als Teil Nordostpreußens im Rahmen der Gesamtbesiedlung Preußen, Heddesheim 1997. (232 S., fasst viele Einzelquellen auszugsweise zusammen)
- MEYER, Richard: Heimatkunde des Memelgebiets, Memel 1922. (116 S.)
- WILLOWEIT, Gerhard: Die Wirtschaftsgeschichte des Memelgebiets (Inauguraldissertation), Marburg/Lahn 1969. (927 S., in zwei Bände geteilt. Mit umfangreichen Quellenangaben und Tabellenanhang)
Einzelne Kreise
Kreis Heydekrug
- BUTTKEREIT, Walter: Der Kreis Heydekrug (Memelland), Flensburg-Mürwik 1976. (330 S.)
- SEMBRITZKI, Johannes u. BITTENS, Arthur: Geschichte des Kreises Heydekrug, Memel 1920. (373 S. Ein ebenso nützliches Werk wie die "Geschichte des Kreises Memel". Mit wertvollem historischen Ortsnamensverzeichnis)
Kreis Memel
- SEMBRITZKI, Johannes: Geschichte des Kreises Memel, Memel 1918. (400 S. Ein hervorragendes Werk; hierfür wurden vom Verfasser viele Quellen ausgewertet, die heute nicht mehr zur Verfügung stehen. Mit wertvollem historischen Ortsnamensverzeichnis)
Kreis Pogegen
- GRENTZ, Georg: Der Kreis Pogegen 1919-1939: Die Geschichte eines memelländischen Kreises im ostpreußischen Grenzgebiet, Oldenburg (Oldb.) 1993. (62 S.)
- GRIGAT, Chr.: Der Kreis Ragnit: Ein Beitrag zur Heimatkunde der Provinz Ostpreußen, Tilsit 1910. (183 S. Leider ohne Register)
- KOPP, Jenny: Geschichte des Landkreises Tilsit, Tilsit 1918. (226 S. Leider ohne Register und mit nicht ganz vollständigem Historischen Ortsverzeichnis)
Anmerkung: Der Kreis Pogegen wurde hauptsächlich aus Teilen der Kreise Tilsit und Ragnit gebildet.
Stadt Memel
- SEMBRITZKI, Johannes: Geschichte der Königlich Preussischen See- und Handelsstadt Memel, Memel 1926². (381 S.)
Internet-Links
Genealogieverweise
- Memelländisches Nachschlagewerk für Familienforscher (im Aufbau) [1]
- Familienforschergruppe bei Yahoo (um 600 Mitglieder, Stand Jan.2009) [2]
- Lage der Kirchen des Memellandes auf der Google-Satellitenkarte [3]
Andere Verweise
- Artikel Memelgebiet. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
- http://www.gonschior.de/weimar/Memelgebiet/index.htm
- http://de.wikipedia.org/wiki/Schalauen
- http://de.wikipedia.org/wiki/Pruzzen
- http://de.wikipedia.org/wiki/Kuren
- http://de.wikipedia.org/wiki/Kurenwimpel
- http://de.wikipedia.org/wiki/Zemaitija
Daten aus dem genealogischen Ortsverzeichnis
| GOV-Kennung | object_298734 | ||||||||||||||||
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| Typ |
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| Karte |
TK25: 0796 |
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| Zugehörigkeit | |||||||||||||||||
| Übergeordnete Objekte |
Litauen, Litauische SSR, Lithuania, Lituanie, Lietuva, Litwa, Литва, Litouwen, Литовская ССР (1923 - 1939) ( StaatUnionsrepublikRepublik) Völkerbund, Société des Nations, League of Nations, Sociedad de Naciones, Folkeforbundet, 國際聯盟, Liga Narodów, Volkenbond, 国際連盟, Società delle Nazioni, Milletler Cemiyeti, Sociedade das Nações, Společnost národů (1920 - 1923) ( Staatenbund) |
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| Untergeordnete Objekte |
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