Motzischken

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Ortsschild von Motzischken, Sommer 1994
Karte von Motzischken, 1937
Die Jura in Motzischken, Sommer 1993

Hierarchie

Regional > Litauen > Motzischken

Regional > Historisches Territorium > Deutschland 1871-1918 > Königreich Preußen > Ostpreußen > Kreis Ragnit > Motzischken


Einleitung

Motzischken (1785 auch Motszischken), Kreis Ragnit, Ostpreußen.

Name

Der Name weist auf schwer zu bearbeitendes Areal.

  • lettisch "mocities" = sich quälen, sehr schwer arbeiten


Politische Einteilung

1940 ist Motzischken eine Gemeinde mit den Dörfern Bäuerlich Naußeden, Erbfrei Naußeden und Heydebruch.

Kreiszugehörigkeit


Kirchliche Zugehörigkeit

Evangelische Kirche

Motzischken gehörte 1912 zum Kirchspiel Szugken, vor 1900 aber zum Kirchspiel Wischwill.

Bäuerliche Frömmigkeit

Erinnerungen von Marie Luttkus, geb. Buddrus, aus Motzischken, 1985 niedergeschrieben:
Wir wurden im Allgemeinen christlich erzogen. So wurde z. B. am Sonntagnachmittag in unserer Familie "das Predigtlesen" nie ausgelassen. Wenn dann mittags abgeräumt war, wurde das dicke Predigtbuch vorgenommen. Darin waren lange Predigten von Pastoren. Gelesen hat mein Großvater in litauisch, später auch meine Mutter, die aber in Deutsch. Natürlich waren uns Kinder die ein- bis anderthalb Stunden sehr langweilig. Immer, wenn ein Blatt umgeschlagen wurde, guckten wir, ob auf der anderen Seite der Schluß stand. Draußen warteten schon die anderen Kinder auf uns zum Spielen. Auch meinem Vater passierte es oft, daß er einschlief. [1]

Katholische Kirche

Eine katholische Gemeinde mit einer kleinen Kapelle gab es in Riedelsberg, einem Ortsteil von Wischwill.

Geschichte

Gasthaus R. Brenneisen, Jura-Fluß und Kleinbahn

Erinnerung an Johannes Bobrowski

Hier, im Süden Litauens, in dem Dorf Mociškiai, das damals Motzischken hieß, verbrachte Bobrowski in den dreißiger Jahren die Sommer auf dem Gehöft der Großeltern. Von hier stammt der 1917 in Tilsit Geborene, hier heiratete er seine Frau Johanna, geb. Buddrus, mit der er nach Krieg und Gefangenschaft in Ost-Berlin lebte - als Lektor für den Union Verlag, als in beiden Deutschlands preisgekrönter Dichter.
Bis zu seinem frühen Tod 1965 blieb die Kindheitslandschaft sein Lebensthema, er weitete sie aus zu einem poetischen Kontinent, zu seinem Sarmatien, wie er die Gegend zwischen Weichsel und Wolga nach einer antiken Weltkarte nannte.

Die Kinder, die heute die einsame Bushaltestelle von Motzischken belagern und den Fremden auf der Fährte der Poesie argwöhnisch umtoben, ahnen nichts von Bobrowskis Versuch, dem einst hier ansässigen Völkergemisch aus Litauern, Polen, Russen, Deutschen und Juden ein Denkmal aus Gedichten zu setzen, einen Sarmatischen Divan zu schreiben, der einen Teil des Leids tilgen sollte, das die Deutschen den Völkern des Ostens zugefügt haben.

Niemand spricht mehr deutsch in Mociškiai, die Gegend ist so verlassen, daß die Grenze von traumhaft zu trostlos so schmal ist wie der Weg, der an der Jura entlang zu den zugewucherten Grabsteinen des Friedhofs führt. Nur die Hauptstraße ist asphaltiert, wer sie verlässt, etwa auf der Suche nach den Schauplätzen von Bobrowskis Roman
Litauische Claviere, nach Bittehnen, Schreitlaugken, Prussellen, stellt den Mietwagen auf eine harte Probe. Dies ist eine Art Zonenrandgebiet, mit der Memel als Grenze.

Windschiefe Heuschober, zerfallende Silos erzählen die Geschichte der Landflucht auf Litauisch, sie klingt genauso wie überall: Die Zukunft ist die Stadt, aus Äckern wird Brachland, europäische Steppe, wo ab und an eine Kuh angepflockt ist. Landwirtschaft ist hier trügerische Selbstversorgeridylle.

Die wellblechgedeckten Holzhäuser sind gegürtet mit Bauerngärten, in denen Malven wie pastellfarbene Schwerter stecken, Milchkannen und Bienenkörbe stehen Spalier, und der obligatorische Ziehbrunnen macht noch aus der kleinsten Hütte ein selbstgenügsames Minireich. Die träge Unaufhaltsamkeit, mit der die Jura sich durch die Wiesen schiebt, rhythmisiert nach wie vor den Gang aller Dinge. Am äußersten Scheitelpunkt der Waschbrettpiste rund um die Willkischker Höhen schaukelt ein Günter-Grass-Double auf dem Klapprad entlang. Was sucht der Mensch hier, fernab von allem, was ein Ziel sein könnte? Der Fluss fließt in einer eigenen Zeit, jenseits von allem Zweckdenken. [2]


Verschiedenes

Besuch in Motzischken

Das Haus der Familie Kairat in Motzischken, Sommer 1993
Wiesenweg zu den Buddrus-Höfen in Motzischken, Sommer 1993,
v.l.n.r. Bernhard Waldmann, eine junge Russin, Rolf Mühleisen mit der Hand vorm Gesicht, daneben Nina Kemper und vorn Trudel Mende, links, mit Frau Kairat.
Der Hof von Michael Buddrus in Motzischken, Sommer 1993,
v.l.n.r. Hildegard Waldmann, ein alter Litauer, dahinter Bernhard Waldmann, mit ausgestrecktem Zeigefinger Frau Kairat und ganz rechts Trudel Mende, 82 Jahre.
Der Hof von Georg Buddrus in Motzischken, Sommer 1993,
v.l.n.r. ganz links steht Herr Kairat, am Brunnen sieht man Hildegard Waldmann, vor der Haustür steht ein litauischer Bauer, auf der Bank sitzen Trudel Mende, Frau Kairat und Bernhard Waldmann.

Reisebericht von Trudel Mende, geb. Gudjons, Tochter von Hans Gudjons aus Alt Lubönen:

Sonntag, 30. August 1993
Heute wollen wir nach Litauen auf die andere Memelseite fahren. Der Michael hat uns versetzt und so mieten wir zwei Taxifahrer für diesen Sonntag für je 45,- DM. Das Wetter war gut. In Tilsit besuchten wir erst noch den Markt in der Deutschen Straße. Rolf kauft Pfifferlinge ca. 2 kg für 2,60 DM, angeboten werden auch Walderdbeeren und Mirabellen. Nina schenkt einem kleinen Mädchen 500 Rubel, diese bringt ihr nachlaufend eine blaue Knoblauchknolle. Ein etwas aufdringliche Händler will Nina unbedingt eine Riesenflunder für 1,- DM verkaufen, aber wir können doch keinen frischen Fisch ins Memelland mitnehmen.

Mit der Überfahrt über die Luisenbrücke nach Litauen ist es kompliziert, denn wir haben für Litauen kein Visum. Bernd möchte auf alle Fälle, dass wir den Versuch unternehmen. Die russischen Taxifahrer verhandeln für uns mit den Zollbeamten. Wir einigen uns auf 51,- DM pro Nase für ein Tagesvisum. Das war eine teure Angelegenhei, doch wir wollten das Vorgenommene ausführen.

Erst ging es hinter der Luisenbrücke im Grenzbereich über eine staubige Landstraße, wie wir sie gar nicht mehr kennen. Vor Pogegen kam dann Asphaltstraße. Der Ort Pogegen sieht nett und gepflegt aus, mit einem kleinen Park. Wir biegen nach rechts ab in Richtung Kaunas (144 km). Dann Willkischken.

Wir halten an der Jura, kurz hinter der Brücke, betrachten die Landschaft und machen Aufnahmen. Als wir weiterfahren wollen, streikt eins unserer Autos, aber mit Hilfe mehrerer Hammerschläge besinnt es sich und fährt wieder. Es waren zwei komfortable russische Wagen, in denen man wunderbar bequem saß. Hinter dem Ortsschild Motzischken halten wir an. Wo ist die Kleinbahn geblieben? Wir suchen den Hof der Familie Buddrus. Wir biegen in die Dorfstraße ein, wo einige Häuser stehen, kennen uns aber leider nicht aus.

Als wir schon zurück wollten, kam uns eine alte Frau nachgelaufen und sprach uns in deutscher Sprache an. Sie war eine geborene Deutsche mit Namen Schäfer, die mit einem Litauer namens Kairat verheiratet ist. Sie kannte die Namen Buddrus (unsere Verwndten), hatte aber nie zuvor Angehörige der Familien gesehen. Vorher waren schon welche von der Johannes-Bobrowski-Gesellschaft im Dorf gewesen, da hat sie erfahren, daß ein berühmter Dichter die Johanna Buddrus geheiratet hat.

Frau Kairat (litauisch exakt Kairatiene) zeigt uns die erste Hofseite Buddrus, wo nichts mehr steht. Dann führt sie uns einen recht weiten Weg, vorbei an Wiesen, die zur Jura hingehen. Vor dem Hof Michael Buddrus grüßt uns eine junge Frau und strebt an uns vorbei. Aus dem Buddrus-Haus kommt ein großer alter Mann mit einer Art Baskenmütze auf dem Kopf, den wir dann auch fotografiert haben. Der Litauer redet viel auf uns ein, was wir natürlich nicht verstehen. Frau Kairat übersetzte uns, daß er besorgt war, wir wollten Haus und Hof zurück haben. Er ist sehr schwerhörig und Frau Kairat mußte ihm sehr lautstark mitteilen, daß wir nicht die Absicht hätten, ihn zu vertreiben.

Wir gehen dann weiter zum Hof von Georg Buddrus, der nicht weit vom Anwesen des Bruders entfernt ist. Unterwegs überholt uns ein Lastwagen. Ein Ehepaar mit Tochter benutzen die Stallgebäude des hinteren Buddrus-Hofes für eine Bullenzucht. Sie kamen mit dem Lastwagen und brachten auch Herrn Kairat mit, der uns wie Leute von einem anderen Stern anstaunte. Die kleine Tochter spielte auf dem Hof von Georg Buddrus, während Wasser aus dem erhaltenen Brunnen neben dem Wohnhaus für die Bullen geschöpft wurde.

Wir sitzen auf der Bank vor dem Wohnhaus, das von außen noch ganz passabel aussieht, aber nicht mehr bewohnt ist. Wie es innen aussieht, haben wir nicht gesehen. Auf dem Hof mit Ehepaar und Kind und den Kairats wurden mehrere Aufnahmen gemacht. Weil der Weg zurück für mich zu anstrengend war, baten wir Frau Kairat, den Lastwagenfahrer zu bitten, daß er Bernd und Rolf zu unseren Taxifahrern an der Hauptstraße bringt, damit sie uns abholen. Es klappte alles und wir verabschiedeten uns von den Bauern und dem Kind., das noch allerlei Geschenke von uns bekam.

Frau Kairat lud uns in ihr Häuschen ein und bereitete uns eine wohlschmeckende Mahlzeit. Eier mir Speck (Spirgel), dazu Brot, das sie aber bei einem Bäcker in Willkischken kauft. Für den Brotkauf muß die achtzigjährige Frau immer einen weiten Fußmarsch zurücklegen. Frau Kairat bereitet uns auch Kaffee. Da sie keine Kaffeekanne besitzt, muß sie ihren Wasserkessel dazu benutzen, Milch oder Sahne gleich mit drin. Das Häuschen, eine typische Kate, war blitzsauber, das Geschirr für so viele Leute mußte vom Boden geholt werden. Außerdem brachte sie eine große Butterkugel, die oben gemustert war, auf den Tisch, dazu eigene Tomaten und Äpfel aus dem Garten. Es war sehr gemütlich in dem kleinen Wohnraum neben der Küche, der Kachelofen war am Morgen etwas angeheizt worden, an den Fenstern standen blühende Blumenstöcke, auch ein Fernseher war vorhanden.

Ich schrieb mir die Adresse der Kairats auf, um ihnen mal ein Päckchen zu schicken. Frau Kairat bedankte sich dafür, daß wir ihre Einladung angenommen haben. Die beiden Alten machten einen ganz zufriedenen Eindruck, sie sind Selbstversorger mit einem Kuhchen, Hühnern und Gartenland. Ganz nahe, gleich hinter der Scheune, fließt die Jura, in der sie auch immer gebadet haben, nur in diesem Sommer nicht, weil es zu kühl war. Auf dem Hof war auch ein Hund und zwei Kätzchen spielten.

Zum Abschied drücken wir ihr ein bißchen deutsches Geld in die Hand, das dort jeder dringend nötig hat. Auf der Rückfahrt Richtung Tilsit sehen wir Leute, die auf einer Wiese eine Kuh häuteten, die vielleicht verendet war. Hildegard und Nina sahen auch einen Mann neben seinem Fahrrad halb im Gras, halb auf der Straße liegen, ob er verletzt oder betrunken war, haben wir nicht erfahren, unsere russischen Fahrer hielten nicht an.

Nachtragen muß ich noch, daß der alte Mann mit der Baskenmütze zum zweiten Buddrus-Hof kam und uns einen großen Korb Äpfel brachte, die wir in einer Tüte mit nach Ragnit genommen haben. [3]

Ergänzung von Bernhard Waldmann:
Im darauffolgenden Sommer (1994) haben wir die Kairats noch einmal besucht.
Beide waren gesund und munter. Als wir ankamen, war Herr Kairat allein im Haus.
Er mußte seine Frau erst vom Feld holen.
Sie hat sich mehrfach entschuldigt, daß ihre Schürze so schmutzig sei.
Die alten Leute wollten gern zu ihrem Enkelsohn nach Jurbarkas ziehen.
Sie hofften, ihr Haus in Motzischken für 1.500,- DM verkaufen zu können.


Memelländisches Festessen

Gutes Essen im Haus der Familie Kairat in Motzischken, Sommer 1993,
v.l.n.r. Herr und Frau Kairat, Tudel Mende mit Tochter Nina.
Kachelofen und Küche im Haus der Familie Kairat in Motzischken, Sommer 1993
Im Sommer 1994 haben wir Frau Kairat noch einmal besucht.
Hildegard Waldmann und Frau Kairat, geb. Schäfer betrachten alte Bilder, Sommer 1994. Rechts neben der Uhr hängt oben ein Foto vom letzten Jahr.


Internetlink

Fotos aus Motzischken


K r i e g

Brief der Anita von Goldammer, geb. Buddrus, aus Motzischken an ihre Kinder:

Bad Wilsnack, im Jahre 1972

Lieber Kinder!

Heute möchte ich den beschwerlichen Weg unserer Flucht berichten. Hier habe ich Zeit, und es ist gut, wenn Ihr es wißt. Heute seid Ihr längst erwachsene Menschen und könnt vielleicht alles verstehen.

1939, als der Krieg mit Polen beendet war, hatten Euer Vater und ich geheiratet. Man hatte damals den Lehrern verlockende Angebote gemacht, in die von den Deutschen besetzten Ostgebiete zu gehen. Gott sei Dank, gelang es mir, mit Hilfe meiner Eltern, meinen Mann davon abzuhalten, denn alle diese Leute wurden später wieder von dort vertrieben.

Am 22. Juni 1941 begann der Krieg gegen die Sowjetunion. Im März 1941 bekam Euer Vater den Gestellungsbefehl. Uli mußte am Abend zuvor in die Klinik nach Tilsit eingeliefert werden. Er hatte plötzlich 40 Grad Fieber bekommen und mußte operiert werden. Wo Euer Vater hingekommen war, wußte ich nicht. Nach Monaten schrieb er dann aus Budweis (CSSR) , wo er “frontreif” gemacht wurde.

Der Hof Georg Buddrus in Motzischken, Sommer 1993

Kriegsvorbereitungen

Meine Wohnung mit den neuen Möbeln wurde bald darauf für Offiziere beschlagnahmt. Sie hatten mir einen ihrer Burschen geschickt und ließen sagen: “Falls Sie nicht freiwillig die Wohnungsschlüssel herausgeben, werden wir die Tür gewaltsam öffnen.” Von nun an gehörte die Wohnung ihnen. Seit Euer Vater beim Militär eingezogen war, wohnte ich bei meinen Eltern. Aber auch hier wurde dann alles mit Militär vollgestopft. In die größten Zimmer kam Heu und Stroh auf den Fußboden, und die Soldaten mußten wie die Heringe schlafen, dicht an dicht. Meine Eltern, Tante Herta und Tante Elfi und mich mit Uli hatten sie in ein Zimmer gepfercht.

Die Scheune und der Hof waren voll mit Militär belegt, und auch in den angrenzenden Wäldern wimmelte es von Soldaten. Auf dem Hof lag eine ganze Kompagnie, und in der Scheune war auch die Feldküche untergebracht. Und das schon im April 1941. Der Krieg begann ja erst am 22. Juni 1941. Die armen Kerle waren zum großen Teil von Calais und Dünkirchen in Nordfrankreich zu Fuß bis zu uns marschiert. Ihre Füße waren wund, viele liefen ohne Schuhe. Sie waren monatelang nur nachts marschiert. Der gewaltige Aufmarsch gegen Rußland mußte ja geheim bleiben.

Als sie früh in unsere Küche kamen und Wasser holten, wurden wir oft gefragt, wo sie sich eigentlich befänden. Sie hatten keine Ahnung, daß sie schon an der litauischen Grenze waren. So manch einer von ihnen erstarrte bei unserer Antwort, dies sei das Dorf Motzischken, und die litauisch-russische Grenze wäre nur eineinhalb bis ungefähr zwei Kilometer entfernt. Nun wurde ihnen alles klar.

Sofort begann man dann mit dem Ausbau unzähliger schwerer MG-Stellungen und Schützengräben, die ca. 2 bis 2,5 Meter tief waren. Im Korridor bei uns waren schwere Maschinengewehre aufgereiht. Auch wurden die Felder und Wälder kilometerweit gänzlich von Stellungsgräben durchwühlt. Nachts rollten ununterbrochen Fahrzeuge heran, die am Tag getarnt werden mußten. An Schlaf war dann bald nicht mehr zu denken. Kilometerweit hörte man das Fahren der Kolonnen und das dumpfe Rollen der Panzer und Kettenfahrzeuge, Nacht für Nacht. Am Tage war dann wieder alles getarnt.

Anfang Juni schrieb ich dann an Euren Vater einen Brief und schilderte durch die Blume, dass sich bei uns viel tun würde und es sicher nicht mehr lange dauern könnte. Als er den Brief in den Händen hielt, er war immer noch in Budweis, war der Krieg bei uns in vollem Gange.

Es geht los

Es war der 22. Juni 1941, um 3.05 Uhr morgens. Die Nacht war wundervoll warm und voller Blütenduft. Die Nachtigallen schlugen so schön wie nie zuvor. Unendlich viele gab es davon an den Ufern der Jura. Unser Bündel mit den nötigsten Sachen hatten wir fertig gepackt, aber die Soldaten trösteten uns immer und sagten,
so lange Zivilisten da wären, könnte es nicht so schlimm werden, man würde uns bestimmt nicht opfern.

Am Nachmittag des 21. Juni und am Abend vor dem großen Angriff wurde an die Soldaten Post verteilt. Uns fiel auf, daß mit einemmal ein eisiges Schweigen über alle kam, und daß sie kein Interesse an ihrer Post hatten und alles am Boden liegen ließen, ob gelesen oder ungelesen. Vorher war ab und zu leise Mundharmonikamusik zu hören gewesen, mal Lachen und Erzählen. Nun nichts als eisiges Schweigen. Dabei wimmelte es wie Ameisen von Militär.

Am Abend bekamen wir Befehl, das Haus nicht mehr zu verlassen. Darauf bat meine Mutter einen Offizier dringend, uns zu sagen, was vorginge. Er sagte nur kurz, daß der Krieg
früh um 3.00 Uhr anfangen würde. Gegen Mitternacht mußte mein Vater seine Pferde zur Verfügung stellen, um die Feldküche nach vorn zu fahren, damit ihre Militärpferde noch geschont würden. Es sollte auch alles geräuschlos sein.

Am Abend, als es dämmerte, wollte meine Mutter doch mal raus. Fast hätte man sie erschossen. Zum Glück blieb sie bei dem Anruf des Postens sofort stehen. Bei jedem Schatten vermuteten die Soldaten, es könnten feindliche Spione sein und hätten sofort scharf geschossen. Weinend und zitternd kam sie wieder ins Haus zurück. Wir alle flatterten und froren in jener Nacht, obwohl wir viele Schichten von Sachen angezogen hatten und uns kaum rühren konnten. Uli schlief im Kinderwagen tief und fest und mit Manfred war ich in anderen Umständen. Wir hatten uns mit Kleidern über die Betten geworfen und zählten Stunde um Stunde, Gongschlag um Gongschlag mit, und je näher die dritte Stunde kam, um so mehr zitterten wir.

Der Angriff

Dann schlug es eins - zwei - drei Uhr, und es blieb totenstill. Ganz tief holten wir Luft und sagten: “Gott sei Dank.” Aber schon in den nächsten Sekunden brach ein Kanonendonner los, und die Erde drohte zu bersten. Unzählige schwere Gewitter waren nichts dagegen. Das Haus schien uns in Sekunden zusammenzuklappen. Mein Vater, der den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatte, schrie fassungslos: “Raus, raus!”
Und Elfi, die damals zehn Jahre alt war, schrie nur: “Nehmt Brot mit, nehmt Brot mit.”

Man kann das nicht beschreiben. Wir stürmten vor die Tür, ich den Kinderwagen mit Uli schwer bepackt vor mir schiebend. Die Soldaten aber standen in vollster Frontausrüstung, die Munitionsgürtel vier- bis fünffach um den Leib, über die Schulter, wo es nur hinging. Es waren die Munitionsketten für die Maschinengewehre. Stahlhelm auf dem Kopf, Gasmasken, ein langes Messer im Schaft usw. Uns durchfuhr es eiskalt. So hatten wir Soldaten noch nie gesehen. Sie versuchten uns zu beruhigen und sagten immer nur: “Ruhe bewahren.”
Dabei flatterten ihre Körper genau wie unsere.

Manch einem der Soldaten liefen die Tränen über die Wangen, dabei schauten sie unentwegt auf ihre Armbanduhren und zählten die Minuten. Kein Nachkriegsfilm wird diesen Feuerregen so bringen können, wie er wirklich war. Hier gab es keine Photographen, die dieses schaurige Drama festhalten konnten, wo Himmel und Erde zu versinken schienen.

Die schwere Artillerie schoß über uns hinweg. Um unseren Hof standen Flieger- und Panzerabwehrkanonen. Aus allen Rohren wurde gefeuert. Alle Waffengattungen, die es nur gab, wurden gleichzeitig eingesetzt. Zwischen dem ungeheuren Feuerregen sah man rote, gelbe und später auch grüne Kugeln am Horizont. Als die Soldaten die ersten grünen Kugeln erspähten, riefen sie laut: “Dem Himmel sei Dank!” Es bedeutete, dass die Front vorankam, wenn auch sehr langsam.

Der Tag danach

Es war ein wunderbarer Morgen. Der Himmel war blau, und die Sonne ging auf, als der Himmel sich plötzlich wieder verdunkelte. Auch die Sonne war dann für unsere Augen nicht mehr sichtbar. Durch den Qualm der unzähligen Geschosse wurden wir in eine Art Nebel gehüllt, nur daß dieser nach Pulver und ausgebrannten Patronenhülsen roch. Gleich waren feindliche Tiefflieger da, die mit Bordkanonen schossen und auch viele Bomben abwarfen. Wie durch ein Wunder sind wir nicht getroffen worden.

Um vier Uhr früh hatten wir die ersten Schwerverwundeten in unserem Zimmer, denn der Hauptverbandsplatz lag noch hinter unserem Hof. Sie waren bis zur Unkenntlichkeit mit Dreck und Blut bedeckt. Man hatte sie mit dem Motorrad im Beiwagen gebracht. Der eine hatte einen Schulterdurchschuß, ein anderer hatte einen völlig zertrümmerten Arm. Er war von einer Maschinengewehrsalve getroffen worden. Den leblosen, blutigen Arm hatte man auf einem dreckigen, ungehobelten Brett mit einem Strick umwickelt, um ihm so Halt zu geben. Für sie war der Krieg zu Ende. Ihre Heimat werden sie vielleicht nie wiedergesehen haben, da sie zu viel Blut verloren hatten.

Um sechs Uhr brachte dann endlich der Rundfunk, dass deutsche Truppen in Rußland einmarschiert seien. Wie harmlos das klang. Die Tatsache, daß wir Rußland angegriffen hatten, war entsetzlich. Noch am gleichen Vormittag fanden Luftkämpfe von Jagdfliegern über uns statt. Einer stürzte brennend ab, ein anderer zerschellte in der Luft und kam in großen Stücken herunter. Bomben fielen noch und noch und rissen große Krater. Aus Neugierde sammelten wir einige Bombensplitter ein, sie waren noch ganz heiß. Wir warfen sie aber dann doch weg. Die Bombensplitter waren ungefähr zehn Zentimeter lang und hatten viele spitze Kanten an den Seiten, die schärfer als Messer waren.

Mein Vater und Tante Herta wären um ein Haar getroffen worden. Immer und immer wieder wurden wir durch plötzliche Tieffliegerangriffe aufgeschreckt. Wir sollten keine Ruhe mehr finden, und die Sehnsucht nach Schlaf wurde immer größer. Der Traum schien uns damals unerfüllbar. Diese ungeheuere Sehnsucht nach tiefem Schlaf muß man selbst erlebt haben. Später konnten wir auf jedem Fußboden, ob Holz oder Zement, auch ohne was drunter, nur den Rucksack unter dem Kopf, schlafen. Die Hauptsache war, es kamen keine Angriffe, die uns aufschreckten.

Den Kanonendonner konnten wir noch monatelang vernehmen. Später wurde er dann immer ferner und ferner, bis eines Tages überhaupt nichts mehr zu hören war.

Dieser Bericht wurde von Anita von Goldammer in Form eines Briefes niedergeschrieben.
Bei der Abschrift wurden zur Gliederung Überschriften eingefügt, die im Originalbrief nicht enthalten sind.

Die Familie Buddrus-Lokies:

  • die Eltern Georg Buddrus und Frau Helene, geb. Lokies

Die Kinder

  • Anita von Goldammer, geb. Buddrus
  • Herta Brüheim, geb. Buddrus
  • Elfi Petri, geb. Buddrus [4]


Karten

Motzischken auf der Schroetterkarte (1796-1802), Maßstab 1:50 000
© Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz
Südöstlich von Willkischken an der Jura (Fluss) auf der Schroetter Karte 1802, Maßstab 1: 160 000


Motzischken im Preußischen Urmesstischblatt 1861
© Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
Motzischken, Motzischker Wald und Umgebung im Preußischen Urmesstischblatt 1861
© Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz


Unterförster Motzischken im Preußischen Urmesstischblatt 1861
© Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
Unterförster Motzischken, Motzischker Wald und Umgebung im Preußischen Urmesstischblatt 1861
© Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz


Motzischken im Messtischblatt 0899 Szugken und 0999 Baltupönen (1915-1937) mit den Gemeindegrenzen von 1938, Maßstab 1:25000
© Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
Skizze aus der Gemeindeseelenliste von Motzischken aus den 50er Jahren, (c) Bundesarchiv




Daten aus dem genealogischen Ortsverzeichnis

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Quellen

  1. Quelle: Anneliese Schmidt
  2. Quelle: Auszug aus einem Artikel in ZEIT ONLINE, Reisen
  3. Quelle: Reisebericht von Trudel Mende, geb. Gudjons, Tochter von Hans Gudjons aus Alt Lubönen, niedergeschrieben im Sommer 1993
  4. Quelle: Lebenserinnerungen der Anita von Goldammer, geb. Buddrus, aus Motzischken, niedergeschrieben 1972